Tradegate, Gettex oder Frankfurt
Bei einem DAX-Wert ist die Wahl des Handelsplatzes fast belanglos. Bei einem kanadischen Nebenwert entscheidet sie über mehrere Prozent Einstandskurs – und zwar nicht über die Ordergebühr, sondern über die Spanne.
Der Punkt, um den es geht
An einem klassischen Börsenplatz treffen die Kauf- und Verkaufsaufträge vieler Marktteilnehmer in einem Orderbuch aufeinander. Bei den deutschen Notierungen ausländischer Nebenwerte gibt es dieses Orderbuch praktisch nicht. Stattdessen stellt fast immer ein einziger Market Maker verbindliche Kurse und tritt selbst als Gegenpartei auf.
Seinen Preis leitet er vom Kurs an der Heimatbörse ab, rechnet in Euro um und schlägt für sein eigenes Risiko eine Spanne auf. Daraus folgt die wichtigste Regel dieser Seite:
Solange die Heimatbörse geschlossen ist, kann er sich nicht absichern – und die Spanne wird weiter. Kanada eröffnet um 15:30 Uhr deutscher Zeit, in den beiden Umstellungsfenstern im Frühjahr und im Herbst bereits um 14:30 Uhr. Was davor quotiert wird, ist eine Schätzung.
Die genauen Fenster stehen unter Wie kaufe ich eine kanadische Small-Cap-Aktie?.
Aus Tradegate Exchange wird Tradegate BSX
Zum 01.01.2026 sind die öffentlich-rechtlichen Anstalten Tradegate Exchange und Börse Berlin zu einem neuen Börsenplatz verschmolzen: der Tradegate Berlin Stock Exchange, kurz Tradegate BSX. In Ordermasken, Kurslisten und Abrechnungen taucht je nach Anbieter noch die alte Bezeichnung auf. Gemeint ist dasselbe Haus.
Drei Punkte daran sind für die Praxis neu:
- Zwei Spezialisten, nicht einer. Für Liquidität und Quotierung sorgen die Tradegate AG (Aktien und ETF) sowie die mwb fairtrade Wertpapierhandelsbank AG (Anleihen und Fonds). Die gängige Kurzformel „Tradegate, das ist die Tradegate AG“ beschreibt den Platz nicht mehr vollständig.
- Zwei Marktsegmente. Mit dem Regulierten Markt der früheren Börse Berlin führt der Platz
heute Regulierten Markt (MIC
XGRM) und Freiverkehr (MICXGAT). Ausländische Nebenwerte liegen in aller Regel im Freiverkehr. - Der Status bleibt. Geregelter Markt im Sinne der MiFID, beaufsichtigt von der Berliner Börsenaufsicht, mit Börsenpreisen im Sinne des Börsengesetzes. Die Fusion war ein Zusammenschluss zweier Börsen, kein Rückzug in den außerbörslichen Handel.
Die Plätze
| Platz | Wer stellt die Kurse | Handelszeiten | Charakter |
|---|---|---|---|
| Tradegate BSX (vormals Tradegate Exchange und Börse Berlin) | zwei Spezialisten: Tradegate AG für Aktien und ETF, mwb fairtrade für Anleihen und Fonds | 7:30 – 22:00 | Regulierter Markt und Freiverkehr; breite Auslandsabdeckung |
| gettex (Börse München) | Baader Bank als Market Maker; Zertifikate quotieren die Emittenten selbst | 7:30 – 23:00 für Aktien, ETP, Fonds und Anleihen · 8:00 – 22:00 für Zertifikate | Quotierungsmodell ohne Börsenentgelt und ohne Courtage |
| LS Exchange (Börse Hamburg) | Lang & Schwarz als Market Maker | 7:30 – 23:00 | sehr lange Zeiten, in Neobroker-Apps verbreitet |
| Börse Frankfurt | Spezialist im fortlaufenden Handel | 8:00 – 22:00 · Anleihen 8:00 – 17:30 | breitestes Universum, festes Mistrade-Verfahren |
| Börse Stuttgart | Quality Liquidity Provider, die EUWAX AG | 7:30 – 22:00 (seit 01.07.2025) | auf Privatanleger ausgerichtet, Qualitätsvorgaben für die Quotierung |
| Xetra | echtes Orderbuch, kein Market Maker | 9:00 – 17:30, dazu Erweiterter Xetra Retail Service 8:00 – 8:55 und 17:30 – 22:00 (seit 01.12.2025) | für ausländische Nebenwerte meist kein Handel |
Der alte Merksatz stimmt nicht mehr. „8:00 bis 22:00 Uhr, das ist der deutsche Standard“ – diesen Satz findet man in fast jedem Vergleich. Seit 2025 haben drei der sechs Plätze ihre Zeiten ausgeweitet, jeweils an einem anderen Datum und in unterschiedlichem Umfang. Wer eine Order zur Eröffnung platzieren will, muss die Zeiten des konkreten Platzes nachschlagen, nicht die Faustregel.
Für kanadische Nebenwerte ändert die Verlängerung am Morgen allerdings wenig: Um 7:30 Uhr ist Toronto seit rund neun Stunden geschlossen. Der frühe Handel verschiebt nur den Zeitpunkt, zu dem geraten wird.
Warum die angezeigte Liquidität trügt
Ein Market Maker stellt selbst für einen sehr marktengen Wert oft ein sauberes, gleichmäßiges Volumen auf beiden Seiten – etwa jeweils 5.000 Stück. Das sieht nach einem liquiden Markt aus. Es ist aber kein Abbild vieler Marktteilnehmer, sondern die Risikobereitschaft eines einzelnen Hauses.
Zwei Folgen:
- Oberhalb dieses Volumens wird es teuer. Größere Orders bewegen den gestellten Kurs sofort, weil dahinter keine Tiefe liegt.
- Der Umsatz an einem deutschen Platz sagt nichts über das Unternehmen. Ein Papier kann in Frankfurt tagelang ohne Umsatz bleiben und in Toronto rege gehandelt werden. Der deutsche Umsatz ist eine Aussage über deutsche Anleger.
Handelsüberwachung ist kein Unterscheidungsmerkmal
Ein hartnäckiger Irrtum, der auch in der ersten Fassung dieser Seite stand: Die Handelsüberwachungsstelle sei eine Besonderheit der großen Regionalbörsen. Das ist sie nicht. Nach § 7 Abs. 1 BörsG hat jede deutsche Börse eine Handelsüberwachungsstelle als Börsenorgan einzurichten und zu betreiben, die den Handel und die Geschäftsabwicklung überwacht. Tradegate BSX, gettex, LS Exchange, Frankfurt und Stuttgart haben eine – ohne sie gäbe es keine Börsenzulassung.
Unterscheiden lassen sich die Plätze an zwei anderen Punkten:
- Am Modell der Preisfeststellung. Ein quotierungsgetriebener Markt mit einem Spezialisten verhält sich anders als ein Orderbuch, in dem sich Angebot und Nachfrage direkt treffen.
- An den Mistrade-Regeln. Fristen, Schwellen und Verfahren zur Aufhebung nicht marktgerechter Geschäfte stehen in den jeweiligen Bedingungen für Geschäfte und weichen voneinander ab. Relevant wird das genau dann, wenn ein Kurs offensichtlich falsch stand – bei marktengen Werten kommt das vor.
Wie man in fünf Minuten den passenden Platz findet
- Referenzkurs bilden. Kurs an der Heimatbörse in CAD, geteilt durch den aktuellen EUR/CAD-Kurs.
- Bei jedem verfügbaren Platz Geld- und Briefkurs ablesen und die Spanne in Prozent der Mitte rechnen. Genau diese Zahl unterscheidet die Plätze. Nicht die Ordergebühr.
- Nach der kanadischen Eröffnung vergleichen. Ein Vergleich um 9:00 Uhr misst nur, wer am mutigsten schätzt.
- Die Spanne gegen die Gebühren halten. Bei 2 % Spanne und 1.000 € Ordervolumen sind das 20 € – ein Vielfaches jeder üblichen Ordergebühr. „Gebührenfrei“ ist deshalb bei Nebenwerten das schwächste Auswahlkriterium, das es gibt.
- Grundsätzlich limitieren.
Was zusätzlich zu wissen ist
Nicht jeder Platz führt jeden Wert. CSE-Notierungen sind in Deutschland deutlich lückenhafter abgebildet als TSX-Werte. Findet man ein Papier nicht, liegt es meist daran.
Auch der Wechselkurs hat eine Spanne. Sie steckt in der Umrechnung und taucht auf keiner Abrechnung getrennt auf.
Die letzte halbe Stunde ist nicht die beste. Zwischen 21:30 und 22:00 Uhr ist die Heimatbörse zwar offen, die Kursstellung in Deutschland läuft aber aus. Ruhiger ist es kurz nach der kanadischen Eröffnung, sobald sich dort ein stabiles Bild gebildet hat.
Handelsplätze ändern ihre Bedingungen. Handelszeiten, Segmente, Namen und Quotierungsmodelle sind Betriebsparameter, keine Naturkonstanten. Allein zwischen Januar 2025 und Januar 2026 haben drei Plätze ihre Zeiten verlängert, und einer hat fusioniert.
Warum das hier steht
In jeder Analyse nennen wir die deutschen Handelsplätze eines Wertes. Diese Seite erklärt, was diese Angabe wert ist – und was nicht: Sie sagt, wo ein Papier handelbar ist, nicht wie gut.
Weiter: Wie kaufe ich eine kanadische Small-Cap-Aktie? · WKN, ISIN und Ticker
Quellen
Angaben zu Handelszeiten, Segmenten und Quotierung stammen von den Handelsplätzen selbst, abgerufen am 11.08.2026:
- Tradegate Berlin Stock Exchange – Zahlen, Fakten und Regulierung sowie tradegate.de
- gettex – Handelszeitverlängerung und Börse München
- LS Exchange · Börse Hamburg
- Deutsche Börse Cash Market – Handelszeiten und live.deutsche-boerse.com
- Xetra – Handelszeiten
- Börse Stuttgart
- § 7 BörsG – Handelsüberwachungsstelle
- Toronto Stock Exchange und TSX Venture Exchange – Trading Hours
- Marktidentifikationscodes nach ISO 10383
Zur Haltbarkeit dieser Seite. Handelszeiten, Segmente und Marktmodelle ändern sich, und zwar öfter, als es die Ratgeberliteratur nahelegt. Die erste Fassung dieser Seite war nach weniger als einem Jahr in mehreren Zeilen überholt. Das Datum unter „Stand“ ist das Datum der letzten Prüfung an der Quelle, keine Garantie für heute. Maßgeblich ist immer die Seite des jeweiligen Handelsplatzes.
Stand: 11.08.2026 · Version 2 · Keine Anlageberatung. Keine Empfehlung eines Handelsplatzes.