Wie wir Unternehmen der erneuerbaren Energien bewerten
Zuerst: um welchen Typ handelt es sich?
Unter „erneuerbare Energien“ fallen zwei Geschäftsmodelle, die kaum etwas gemeinsam haben:
| Typ | Was das Unternehmen besitzt | Bewertung |
|---|---|---|
| Projektentwickler / Betreiber | Anlagen und Stromabnahmeverträge | Projekt-DCF, EV/MW |
| Technologieanbieter | Produkt, Patente, Auftragsbestand | wie Technologie |
Der erste Schritt jeder Analyse ist diese Einordnung. Einen Elektrolyseurhersteller mit einem Projekt-DCF zu bewerten wäre genauso falsch wie einen Windparkbetreiber mit EV/Umsatz.
Projektentwickler: DCF auf Projektebene
Der große Unterschied zu Rohstoffen oder Biotech: die Erlöse stehen im Vertrag. Ein Stromabnahmevertrag (PPA) fixiert Menge und Preis über 10 bis 20 Jahre.
Das senkt das Risiko erheblich — und damit den Diskontsatz:
| Situation | Diskontsatz |
|---|---|
| Betriebsanlage mit langfristigem PPA | 6 – 8 % |
| Genehmigtes Projekt im Bau | 8 – 10 % |
| Projekt in Entwicklung | 12 – 15 % |
| Frühe Pipeline ohne Genehmigung | wird nicht bewertet, nur benannt |
Diese Spannen sind unsere Konvention, keine Norm — kein Standard und keine Aufsicht schreiben sie vor. Sie bilden die Reihenfolge der Risiken ab, nicht einen gemessenen Marktzins. Den angesetzten Satz nennen wir in jeder Analyse, damit er nachgerechnet werden kann.
Wir modellieren je Projekt, nicht auf Konzernebene: Kapazität, Volllaststunden, PPA-Preis und Laufzeit, Betriebskosten, Investitionsbedarf, Finanzierungsstruktur und Restwert nach Vertragsende. Anschließend Summe der Projekte minus Konzernkosten minus Nettoverschuldung.
Worauf es beim PPA selbst ankommt — Laufzeit, Preisformel und Indexierung, Bonität des Abnehmers, Mengen- und Abregelungsrisiko —, steht auf der Kennzahlenseite PPA und EV/MW. „Es gibt einen PPA“ ist ohne diese vier Punkte keine Aussage.
Die Pipeline nach Reifegrad gewichten
Entwickler kommunizieren gern eine große Projektpipeline in Gigawatt. Diese Zahl ist als Bewertungsgrundlage wertlos, solange sie nicht nach Reifegrad aufgeschlüsselt ist:
| Stufe | Gewichtung |
|---|---|
| In Betrieb | 100 % |
| Im Bau, finanziert | 90 % |
| Genehmigt, PPA unterzeichnet | 70 % |
| Genehmigt, ohne PPA | 40 % |
| In Genehmigung | 15 % |
| Frühe Entwicklung | 0 % — wird genannt, nicht bewertet |
Auch diese Gewichte sind unsere Konvention und keine Marktnorm. Sie stehen hier, damit nachvollziehbar ist, welcher Teil eines Pipeline-Gigawatts überhaupt in unsere Rechnung eingeht.
EV/MW und LCOE
EV/MW — Unternehmenswert je Megawatt installierter oder gesicherter Kapazität. Reine Vergleichskennzahl gegen die Vergleichsgruppe, nie alleiniger Maßstab: sie ignoriert Volllaststunden, PPA-Preis und Restlaufzeit, also praktisch die gesamte Ertragsqualität. Ein Solarpark in Andalusien und einer in Schleswig-Holstein haben bei gleicher Kapazität sehr unterschiedliche Erträge. Und MW ist nicht MWh: Über Technologien und Standorte hinweg ist der Multiplikator nur mit den Volllaststunden im Kopf lesbar.
Wie der Wert je Megawatt über die Reifestufen springt
Ein Megawatt in einer frühen Projektidee und ein Megawatt am Netz sind nicht dasselbe Gut. Was sich zwischen den Stufen ändert, ist nicht der Strom, sondern die Wahrscheinlichkeit, dass es je Strom gibt — und wer bis dahin welches Risiko trägt:
| Stufe | Woran man sie erkennt | Was sich am Wert ändert |
|---|---|---|
| Frühe Entwicklung | Fläche gesichert, sonst nichts | Reiner Optionswert. Ein erheblicher Teil dieser Projekte wird nie gebaut |
| Fortgeschritten | Genehmigungsverfahren läuft, Netzanschluss beantragt | Die Eintrittswahrscheinlichkeit steigt, der Zeitpunkt bleibt offen |
| Baureif (RTB) | Genehmigt, Netzanschluss zugesagt, finanziert, PPA unterschrieben | Der große Sprung: Aus einer Option wird ein finanzierbarer Zahlungsstrom |
| Im Bau | Investitionsentscheidung getroffen | Genehmigungsrisiko weicht Bau- und Terminrisiko |
| Am Netz | Erzeugt und verkauft | Voller Barwert; verbleibende Risiken sind Preis, Wetter und Verfügbarkeit |
Die beiden Stellen, an denen sich der Wert sprunghaft ändert, sind Genehmigung und Netzanschluss. Beides sind behördliche oder netzseitige Entscheidungen, die das Unternehmen nicht steuert.
Warum hier keine Beträge je Megawatt stehen
In Marktberichten kursieren Bandbreiten je Megawatt und Reifestufe. Wir geben sie nicht wieder. Solche Werte hängen an Markt, Technologie, Netzentgelten, Förderregime und Zinsniveau des jeweiligen Stichtags; eine Größenordnung aus einem Land und einem Jahr lässt sich nicht auf ein anderes übertragen, und die wenigsten der zirkulierenden Zahlen nennen, worauf sie beruhen. Uns liegt dafür keine überprüfbare Primärquelle vor — und ohne eine solche veröffentlichen wir die Zahl nicht. Eine Zahl ohne Quelle und Datum wird bei uns nicht relativiert, sondern weggelassen.
Was das Argument trägt, ist ohnehin nicht der Betrag, sondern die Reihenfolge: wo im Projektverlauf der Wert springt und warum. Ein konkreter EV/MW-Wert gehört in die Analyse eines konkreten Unternehmens — mit Vergleichsgruppe, Stichtag und der Aufschlüsselung nach Stufen, aus der er stammt.
LCOE (Stromgestehungskosten) — misst die Wettbewerbsfähigkeit. Entscheidend ist nicht der absolute Wert, sondern ob er unter dem erzielbaren Marktpreis liegt, wenn die Förderung ausläuft.
Der Sonderfall Wasserstoff und Speicher
Der größte Teil der Small Caps in diesem Bereich hat keine nennenswerten Umsätze. Hier gilt dasselbe wie bei Deeptech: es gibt eben nichts zu multiplizieren und nichts zu diskontieren.
Wir weisen dann aus: Technologiereife, Auftragsbestand und Referenzprojekte, Cash-Reichweite, erwartete Verwässerung — und sagen ausdrücklich, dass keine belastbare Bewertung möglich ist. Das ist eine ehrlichere Aussage als ein DCF auf Umsätze, die für 2032 unterstellt werden.
Was diese Methode nicht kann
- Zinssensitivität. Diese Geschäftsmodelle sind extrem kapitalintensiv und fremdfinanziert. Ein Anstieg der Kapitalkosten um zwei Prozentpunkte kann den Eigenkapitalwert halbieren, ohne dass sich operativ irgendetwas ändert. Wir zeigen das immer als Sensitivität.
- Regulierungsabhängigkeit. Ein Großteil der Erträge hängt an Förderregimen, die politisch gesetzt werden und sich ändern können.
- Netzanschluss. Das in Deutschland und Spanien am meisten unterschätzte Risiko: ein genehmigtes Projekt ohne Anschlusszusage ist kein Projekt.
- Strompreisannahme nach PPA-Ende. Der Restwert beruht auf einem Marktpreis in 15 Jahren. Das ist die schwächste Annahme des ganzen Modells, und sie steht in der Sensitivitätstabelle.
Was wir nicht tun
Wir bewerten keine Pipeline-Gigawatt ohne Reifegradaufschlüsselung. Wir unterstellen keine Verlängerung eines PPA zu heutigen Konditionen. Wir übernehmen keinen Vergleichswert je Megawatt, für den uns die Primärquelle fehlt. Und wir rechnen keinen DCF auf Wasserstoffumsätze, die noch niemand erzielt hat.
Quellen
- Die vier beschriebenen Vertragsbestandteile eines PPA — Laufzeit, Preisformel und Indexierung, Bonität des Abnehmers, Mengen- und Abregelungsrisiko — sind Standardelemente solcher Verträge. Maßgeblich ist im Einzelfall stets die Angabe des Unternehmens selbst: Geschäftsbericht, Projektdokumentation oder Ad-hoc-Mitteilung, jeweils mit Datum zitiert.
- Diskontsätze und Reifegradgewichte dieser Seite sind unsere eigene Konvention. Sie beruhen auf keiner Norm und werden in jeder Analyse offengelegt.
- Bewusst nicht enthalten: Bandbreiten des Unternehmenswerts je Megawatt nach Reifestufe. Dafür liegt uns keine überprüfbare Primärquelle vor.
- Vertiefend im Glossar: PPA und EV/MW.
Was sich in Version 2 geändert hat
11.08.2026. Wir haben die Zahlen dieser Seite gegen die Primärquellen gehalten. Der Befund betrifft hier weniger eine falsche Zahl als eine fehlende Quelle.
- Zum Unternehmenswert je Megawatt nach Reifestufe stehen keine Beträge mehr im Raum. Solche Bandbreiten kursieren in Marktberichten, ließen sich aber gegen keine überprüfbare Primärquelle halten. In der Kennzahl PPA und EV/MW wurden sie am selben Tag aus demselben Grund entfernt. An ihre Stelle tritt die relative Abfolge: reiner Optionswert, steigende Eintrittswahrscheinlichkeit, der große Sprung bei Baureife, dann Bau- und Terminrisiko, schließlich der volle Barwert. Die Größenordnungen selbst hängen an Markt, Technologie, Netzentgelten, Förderregime und Zinsniveau — ohne belegbare Quelle veröffentlichen wir sie nicht.
- Diskontsätze und Reifegradgewichte sind jetzt als Konvention gekennzeichnet, nicht als Marktnorm. Sie waren es immer; es stand nur nicht dabei.
- Neu: ein Quellenverzeichnis und der Verweis auf die Kennzahlenseite PPA und EV/MW.
Auf keine veröffentlichte Bewertung wirkt sich das aus. aktienanalyse.online arbeitet im Modus „Start ohne Analyst“: Wir veröffentlichen weder einen fairen Wert noch Kursziele. Unter Version 1 dieser Seite ist keine einzige Bewertung ergangen, die auf den entfernten Zahlen beruht hätte.
Stand: 11.08.2026 · Version 2