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Fundamentalanalyse · Small Caps

AISC — All-in Sustaining Costs

Was es kostet, eine Unze Gold zu fördern und den Betrieb dabei am Laufen zu halten – ausgedrückt in US-Dollar je verkaufter Unze.

Die Kennzahl beantwortet eine Frage, die der reine Förderkostenwert offenlässt: Bleibt beim heutigen Goldpreis etwas übrig, nachdem die Mine das Geld ausgegeben hat, das sie ausgeben muss, um im nächsten Jahr noch zu fördern?

Woher die Zahl kommt

AISC ist keine Bilanzkennzahl. Sie steht in keinem IFRS-Standard. Der World Gold Council hat sie 2013 als freiwillige Branchenrichtlinie eingeführt und im November 2018 überarbeitet, weil die bis dahin übliche Angabe – die cash costs – systematisch zu günstig aussah: Sie ließ genau jene Ausgaben weg, ohne die eine Mine nach fünf Jahren stillsteht.

Wo die Zahl steht, entscheidet darüber, wer sie geprüft hat. Sie erscheint im MD&A, dem Lagebericht, und damit außerhalb des testierten Jahresabschlusses. Der Wirtschaftsprüfer liest den Abschluss, nicht die Kennzahl daneben. Der World Gold Council selbst sagt dazu übrigens nichts – das Ergebnis folgt schlicht aus dem Ort der Veröffentlichung.

Was drin ist

Posten Warum
Betriebskosten der Mine Abbau, Aufbereitung, Personal vor Ort
Lizenzgebühren und Royalties Fließen zwingend ab
Erhaltungsinvestitionen Der eigentliche Punkt der Kennzahl
Erhaltungsexploration Ersatz der abgebauten Unzen im bestehenden Betrieb
Sustaining leases Eigene Zeile seit der Fassung 2018 – Folge von IFRS 16
Verwaltungskosten (G&A) Anteilig
Rückstellungen für Rekultivierung Zeitanteilige Zuführung

Die Leasingzeile ist neu und wird nach wie vor oft übersehen. Seit IFRS 16 stehen Nutzungsrechte in der Bilanz, und der Zinsanteil der Leasingrate landet im Finanzergebnis – wo er den AISC verlassen würde. Genau das hat der World Gold Council ausdrücklich korrigiert. Ein Bagger bleibt eben ein Bagger, gleich ob gekauft oder geleast.

Was bewusst draußen bleibt

Die Richtlinie zählt die Ausschlüsse namentlich auf: „Income taxes, Working capital, All financing charges (including capitalised interest), except for financing charges related to leasing arrangements, Costs related to business combinations…“

Der Halbsatz nach dem Komma ist der eigentliche Punkt. Finanzierungskosten sind ausgeschlossen – die aus Leasingverhältnissen aber nicht. Wer schreibt, im AISC stecke grundsätzlich kein Zinsaufwand, gibt schlicht die Regel von vor 2018 wieder.

Ansonsten bleiben draußen:

Ein Unternehmen mit niedrigem AISC und hohen Wachstumsinvestitionen kann trotzdem jedes Jahr Geld verbrennen. Der AISC sagt nichts über den Cashflow des Unternehmens – nur über den der laufenden Mine.

Die Zehn-Prozent-Schwelle

Die Grenze zwischen sustaining und growth war bis 2018 eine Ermessensfrage. Seither gibt es einen quantifizierten Test: Als Wachstumsinvestition gilt eine Ausgabe, die einen wesentlichen Nutzen stiftet – und wesentlich heißt „at least a 10% increase in annual or life of mine production, net present value, or reserves“.

Damit ist die Trennlinie erstmals nachrechenbar. Wer eine Erweiterung als Wachstum bucht, muss zeigen, dass sie Jahresförderung, Barwert oder Reserven um mindestens ein Zehntel hebt. Bleibt sie darunter, gehört sie in den AISC – und treibt ihn nach oben.

Der Spielraum verschwindet dadurch nicht, er verschiebt sich nur: von der Frage, wie man den Posten nennt, zur Frage, gegen welche Basis die zehn Prozent gerechnet werden. Beides steht im Kleingedruckten der Fußnoten, nicht in der Pressemitteilung.

Nebenprodukte: wo der Spielraum wirklich liegt

Eine Goldmine, die auch Kupfer fördert, hat zwei Erlösströme. Die verbreitete Darstellung, das Unternehmen könne zwischen by-product- und co-product-Rechnung frei wählen, greift zu kurz.

Der World Gold Council schreibt vor, die Erlöse aus Nebenprodukten als Kostenminderung anzusetzen. Ein AISC unter null ist deshalb keine Trickserei, sondern das mögliche Ergebnis der vorgeschriebenen Methode – wenn der Kupfererlös die Kosten der Unze Gold übersteigt.

Der tatsächliche Ermessensspielraum liegt an zwei anderen Stellen:

Hier entsteht die Unvergleichbarkeit zwischen zwei Unternehmen – nicht in der freien Wahl einer Methode, die es so nicht gibt.

Wo die Kennzahl in die Irre führt

Der AISC ist ein Durchschnitt über das Jahr und über alle Minen. Ein Konzern mit einer sehr guten und einer sehr schlechten Mine zeigt einen mittleren Wert, der für keine der beiden gilt. Die Zahl je Mine steht meist nur im Jahresbericht.

Er ist an den Wechselkurs gekoppelt. Die Kosten fallen in kanadischen Dollar, australischen Dollar oder Pesos an, der Erlös in US-Dollar. Ein fallender Lokalwährungskurs senkt den ausgewiesenen AISC, ohne dass sich im Betrieb irgendetwas verbessert hätte.

Er ist an den Gehalt der aktuell abgebauten Zone gekoppelt. Wer ein Jahr lang den reichsten Teil der Lagerstätte fördert, weist einen AISC aus, den der Rest der Minenlaufzeit nicht hält. Das ist zulässig, üblich und aus der Kennzahl allein nicht erkennbar.

Und: Vor der ersten Förderung existiert er nicht. Was ein Explorer als „AISC“ ausweist, ist eine Schätzung aus einer technischen Studie – mit der Genauigkeit dieser Studienstufe. Die aber ist asymmetrisch: Nach der Kostenklassifikation AACE 47R-11 reicht das Band einer frühen Studie von −20 % bis +100 %. Siehe PEA, PFS, FS.

Wie wir die Zahl verwenden

Wir stellen den AISC immer gegen den Rohstoffpreis, nicht gegen den Wettbewerb: Die Differenz ist die Marge je Unze, und sie entscheidet, wie viel Preisrückgang der Betrieb aushält. Dazu nennen wir das Berichtsjahr, die Behandlung der Nebenprodukte und, sofern verfügbar, den Wert je Mine statt des Konzernschnitts.

Weicht die Abgrenzung von sustaining und growth im Berichtsjahr von der des Vorjahres ab, sagen wir es. Ein AISC, der ohne betrieblichen Grund fällt, hat meist eine Umbuchung als Ursache.

Der vollständige Rahmen steht unter Wie wir Rohstoffunternehmen bewerten.

Quellen


Stand: 11.08.2026 · Version 2