NI 43-101
Der Offenlegungsstandard, dem jedes an einer kanadischen Börse notierte Bergbauunternehmen unterliegt. Vollständig: National Instrument 43-101 — Standards of Disclosure for Mineral Projects, erlassen von den kanadischen Wertpapieraufsichten (CSA).
Was er regelt
NI 43-101 schreibt vor, wie ein Unternehmen über sein Projekt sprechen darf. Der Kern in vier Punkten:
- Jede wissenschaftliche oder technische Aussage – Bohrergebnis, Ressourcenschätzung, Wirtschaftlichkeitsrechnung – muss von einer Qualified Person (QP) verantwortet sein.
- Für wesentliche Projekte ist ein Technical Report einzureichen, öffentlich abrufbar über SEDAR+. Er folgt einem festen Kapitelaufbau nach Form 43-101F1 – von der Probenahmemethode über die Datenverifizierung bis zur Interpretation.
- Die Ressourcen- und Reservekategorien sind nicht frei wählbar, sondern folgen den CIM-Definitionsstandards. Siehe Inferred, Indicated, Measured.
- Bestimmte Angaben – etwa historische Schätzungen oder Ergebnisse einer PEA – tragen vorgeschriebene Warnhinweise, die nicht weggelassen werden dürfen.
Wer eine Qualified Person ist
Die Anforderungen stehen in der Begriffsbestimmung des Standards, und sie sind enger, als die verbreitete Kurzformel „fünf Jahre Erfahrung, in einer Kammer eingetragen“ vermuten lässt. Eine QP muss alle folgenden Voraussetzungen erfüllen:
- einen Hochschulabschluss in Geowissenschaften oder einer einschlägigen Ingenieurdisziplin – oder eine gleichwertige Qualifikation;
- mindestens fünf Jahre Berufserfahrung nach dem Abschluss;
- Erfahrung, die für den konkreten Gegenstand des Berichts einschlägig ist: für die Lagerstättenart, für die berichtete Tätigkeit, für die Art des technischen Berichts;
- Mitgliedschaft in gutem Stand in einer anerkannten Berufsorganisation, die Disziplinargewalt über sie ausüben kann.
Der dritte Punkt steht in keiner Pressemitteilung – und trägt in der Praxis am meisten. Ein ausgewiesener Fachmann für epithermale Goldadern ist eben keine QP für eine Lithiumsole: dieselbe Person, dieselben Titel, anderer Gegenstand. Der vierte Punkt wiederum erklärt, warum die Unterschrift überhaupt etwas wert ist. Dahinter steht eine Berufszulassung, die man verlieren kann.
Warum das für den deutschen Anleger überhaupt zählt
Weil der Standard der Grund ist, warum man den Zahlen eines kanadischen Junior-Werts überhaupt glauben kann. Entstanden ist er als Reaktion auf den Bre-X-Skandal von 1997, bei dem gefälschte Bohrproben eine Bewertung von mehreren Milliarden Dollar getragen hatten. Vor NI 43-101 bestand keine Pflicht, Probenahme und Prüfkette offenzulegen.
Ein Bohrergebnis ohne QP-Verantwortung und ohne dokumentierte Prüfkette ist heute keine Information, sondern Werbung.
Was im Ausland gilt
Das australasiatische Gegenstück – Australien und Neuseeland – heißt JORC, das südafrikanische SAMREC, das europäische PERC. NI 43-101 bezeichnet sie nicht als gleichwertig, sondern als acceptable foreign codes. Nach Section 7.1 darf ein technischer Bericht deren Definitionen verwenden, muss dann aber jede wesentliche Abweichung gegenüber NI 43-101 und den CIM-Definitionen ausdrücklich abgleichen.
Der Unterschied ist praktisch: Zwei Berichte nach zwei Regelwerken sind nicht ohne Weiteres vergleichbar. Die Überleitung steht im Bericht – wenn sie fehlt, fehlt sie nicht zufällig.
Wo der Standard falsch verstanden wird
„NI 43-101 compliant“ ist kein Gütesiegel für das Projekt. Es heißt: Die Angaben sind nach den Regeln offengelegt. Es heißt nicht, dass das Projekt wirtschaftlich ist, dass die Ressource abbaubar ist oder dass die Annahmen realistisch sind. Ein technisch einwandfrei dokumentiertes Projekt kann völlig unrentabel sein – und der Bericht sagt das dann auch, in Kapitel 22.
Die Behörde prüft den Inhalt nicht. Sie prüft, dass eingereicht wurde. Die inhaltliche Verantwortung liegt bei der QP.
Unabhängigkeit hängt am Dokument, nicht am Bericht. Die QP darf Angestellte des Unternehmens sein; das ist der Normalfall. Ob ein unabhängiger Bericht verlangt wird, entscheidet nach Section 5.3 die Art des Dokuments, das eingereicht wird – etwa ein Prospekt, ein Informationsrundschreiben oder die Unterlagen zu einer Erstnotierung. Für produzierende Emittenten greifen die Ausnahmen der Sections 5.3(2) bis 5.3(4) allerdings weitreichend: Sie können auch in Fällen, die sonst Unabhängigkeit verlangen, mit eigenen Leuten arbeiten. Wer die Zahlen ernst nimmt, schaut deshalb nicht auf die Berichtsgattung, sondern auf das Zertifikat der QP am Ende des Dokuments. Dort steht, wer unterschrieben hat – und in welchem Verhältnis diese Person zum Unternehmen steht.
Der Bericht altert. Kapitalkosten, Energiepreise und Wechselkurse aus einem Bericht von 2019 tragen eine Rechnung von 2026 nicht mehr. Eine Pflicht zur Aktualisierung besteht nicht, solange das Unternehmen keine neuen wesentlichen Aussagen trifft.
Die Pressemitteilung ist nicht der Bericht. Sie darf zusammenfassen – und wählt dabei aus. Der Abstand zwischen der Überschrift und Kapitel 14 ist regelmäßig der interessanteste Teil der Lektüre.
Wie wir damit arbeiten
Wir bewerten kein Rohstoffprojekt ohne den Volltext des Technical Report von SEDAR+ – die Unternehmenspräsentation reicht uns dafür nicht. In jeder Analyse nennen wir Datum und Stufe des Berichts, die verantwortliche QP, ihre Unabhängigkeit – und, falls der Bericht nach einem ausländischen Kodex erstellt wurde, welchem.
Der vollständige Rahmen steht unter Wie wir Rohstoffunternehmen bewerten.
Quellen
- National Instrument 43-101 — Standards of Disclosure for Mineral Projects, Canadian Securities Administrators, konsolidierte Fassung British Columbia (B.C. Reg. 86/2011), insbesondere Definition „qualified person“ sowie Sections 5.3 und 7.1 — bclaws.gov.bc.ca
- CIM Definition Standards for Mineral Resources and Mineral Reserves, Canadian Institute of Mining, Metallurgy and Petroleum, 10. Mai 2014 — bcsc.bc.ca
- Vorschlag der CSA zur Aufhebung und Ersetzung von NI 43-101 und Form 43-101F1, veröffentlicht am 12. Juni 2025, Konsultationsfrist bis 10. Oktober 2025. Stand 11.08.2026: nicht in Kraft.
Stand: 11.08.2026 · Version 2