Rule of 40
Wachstum (%) + Marge (%) ≥ 40
Ein Softwareunternehmen mit 50 % Wachstum und −10 % Marge kommt auf 40. Eines mit 15 % Wachstum und +25 % Marge ebenfalls. Die Kennzahl sagt: Beide sind gesund, auf verschiedene Weise.
Welche Marge dabei gemeint ist, steht in der Regel selbst nicht drin. Dazu gleich mehr.
Warum sie überhaupt nötig ist
Ein wachsendes Softwareunternehmen gibt heute Geld aus, um in drei Jahren Umsatz zu haben: Vertrieb, Entwicklung, Kundengewinnung. Diese Kosten laufen sofort durch die Gewinn- und Verlustrechnung, der Nutzen kommt später.
Das Ergebnis: Je schneller ein gesundes Unternehmen wächst, desto schlechter sieht sein Gewinn aus. Ein KGV bestraft dann genau das, was Wert schafft. Umgekehrt kann ein Unternehmen seinen Gewinn kurzfristig hübsch machen, indem es aufhört zu investieren – und dabei seine Zukunft verkauft.
Die Rule of 40 macht die beiden Wege vergleichbar. Das ist ihre Leistung, und es ist keine kleine.
Woher sie kommt
Zugeschrieben wird sie zwar meist Brad Feld. Genau genommen hat der Wagniskapitalgeber sie am 03.02.2015 jedoch lediglich bekannt gemacht: In seinem Beitrag beruft er sich ausdrücklich auf einen Investor aus der Spätphasenfinanzierung, den er nicht namentlich nennt. Fred Wilson schrieb um dieselbe Zeit über dieselbe Faustregel. Einen Urheber hat sie nicht.
Und Feld schrieb „profit“ – Gewinn. Nicht Free-Cashflow-Marge. Die heute übliche Fassung mit dem Cashflow ist eine spätere Mutation der Praxis, nicht Bestandteil der ursprünglichen Formulierung. In Analystenberichten stehen mittlerweile ebenso EBITDA-Marge, bereinigte EBITDA-Marge oder operative Marge an derselben Stelle.
Die meistzitierte Kennzahl der Softwarebewertung hat also weder einen Autor noch eine feste Definition ihres zweiten Summanden. Das ist keine Anekdote für die Fußnote.
Die Fälle, in denen sie täuscht
1 · Der zweite Summand ist nicht festgelegt. Zwischen Free-Cashflow-Marge und bereinigter EBITDA-Marge liegen bei einem wachsenden Softwareunternehmen leicht zehn Punkte und mehr – Working Capital, aktivierte Entwicklungskosten und aktienbasierte Vergütung schlagen in beiden Größen völlig unterschiedlich durch. Zwei Häuser können für dasselbe Unternehmen 33 und 45 ausweisen – und beide rechnen korrekt. Ohne die Angabe, welche Marge verwendet wurde, ist die Zahl nicht lesbar.
2 · Einmalige Effekte in der Marge. Vorauszahlungen von Jahreskunden, eine Steuererstattung, ein verkaufter Geschäftsbereich. Die Marge springt, das Geschäft hat sich nicht verändert. Eine Rule of 40, die auf einem einzigen Quartal beruht, sagt wenig.
3 · Aktienbasierte Vergütung. Sie belastet den Gewinn, aber nicht den Cashflow. Ein Unternehmen, das einen großen Teil der Gehälter in Aktien zahlt, sieht in der Free-Cashflow-Marge deutlich besser aus, als es die Verwässerung hergibt. Wir rechnen sie nicht heraus – aber wir weisen sie aus.
4 · Sehr kleine Unternehmen. Bei 8 Mio. € Umsatz kann ein einziger Großkunde die Wachstumsrate um 15 Punkte bewegen. Die Kennzahl ist dann eher ein Zufallsergebnis als eine Eigenschaft des Geschäfts.
Deshalb gilt: Wichtig ist nicht, ob die 40 erreicht werden, sondern wie – und womit gerechnet wurde.
Was daneben zählt
| Kennzahl | Was sie sagt | Orientierung |
|---|---|---|
| Netto-Umsatzbindung (NRR) | Wachsen Bestandskunden von allein? | Nur im Segmentvergleich lesbar → eigene Seite |
| Bruttomarge | Ist es überhaupt Software? | In der Praxis gilt 70 % als Trennlinie |
| Burn Multiple | Wie teuer ist ein Euro Neugeschäft? | Faustregel: unter 1,5 gut, über 3 kritisch |
Vorgeschrieben ist keiner dieser Schwellenwerte. Es sind Konventionen der Marktpraxis, entstanden an großen amerikanischen Cloudanbietern – wer sie ungeprüft auf einen deutschen Nebenwert anwendet, misst mit einem fremden Maß.
Die Netto-Umsatzbindung ist die aussagekräftigste der drei: Liegt sie über 100 %, wächst das Unternehmen selbst dann, wenn es keinen einzigen Neukunden gewinnt. Ein pauschaler Schwellenwert taugt dafür allerdings nicht, weil der übliche Wert stark vom Kundensegment abhängt.
Die Bruttomarge ist eine Weiche. Unter 70 % handelt es sich meist um ein Dienstleistungsgeschäft mit Softwareanstrich – und das ist mit Dienstleistungsmultiplikatoren zu bewerten, nicht mit Softwaremultiplikatoren. Der Unterschied ist ein Faktor von drei oder mehr.
Der Sonderfall Small Cap
Ein großer Teil der Technologie-Nebenwerte ist gar kein SaaS-Geschäft: Hardware, Halbleiter, Projektgeschäft. Dort ist die Rule of 40 nicht anwendbar. Wer sie trotzdem ausrechnet, bekommt eine Zahl ohne Bedeutung.
Wie wir die Zahl verwenden
Wir nennen immer, welche Marge im zweiten Summanden steht, und rechnen über zwölf Monate statt über ein Quartal. Die aktienbasierte Vergütung weisen wir gesondert aus, statt sie herauszurechnen. Und wir wenden die Regel nur auf Unternehmen an, deren Geschäftsmodell wiederkehrende Softwareerlöse trägt – bei allen anderen entfällt sie ersatzlos.
Der vollständige Rahmen: Wie wir Technologieunternehmen bewerten
Quellen
- Brad Feld: The Rule of 40% For a Healthy SaaS Company, 03.02.2015. Feld schreibt dort „profit“ und schreibt die Regel einem nicht namentlich genannten Spätphaseninvestor zu. feld.com
- Bessemer Venture Partners: State of the Cloud – Herkunft mehrerer der hier genannten Orientierungswerte aus der Wagniskapitalpraxis. bvp.com
- SaaS Capital: What Is a Good Retention Rate for a Private SaaS Company? – Grundlage der Aussage, dass die Netto-Umsatzbindung nur je Kundensegment lesbar ist. saas-capital.com
Stand: 11.08.2026 · Version 2