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Fundamentalanalyse · Small Caps
Makroaufnahme eines Silizium-Wafers
Symbolbild · KI-generiert

Wie wir Technologieunternehmen bewerten

Warum das KGV in die Irre führt

Ein wachsendes Softwareunternehmen gibt heute Geld aus, um in drei Jahren Umsatz zu haben: Vertrieb, Entwicklung, Kundengewinnung. Diese Ausgaben laufen sofort durch die Gewinn- und Verlustrechnung, der Nutzen kommt erst später.

Ergebnis: je schneller ein gesundes Unternehmen wächst, desto schlechter sieht sein Gewinn aus. Ein KGV bestraft dann genau das, was Wert schafft. Umgekehrt kann ein Unternehmen den Gewinn kurzfristig hübsch machen, indem es aufhört zu investieren — und dabei seine Zukunft verkauft.

Deshalb bewerten wir über Umsatz, Wachstum und Kapitaleffizienz.

Der Ausgangspunkt: EV/Umsatz, am Wachstum normiert

Der Unternehmenswert im Verhältnis zum Umsatz ist nur dann aussagekräftig, wenn er gegen die Wachstumsrate gestellt wird. 6 × Umsatz bei 45 % Wachstum ist etwas völlig anderes als 6 × Umsatz bei 8 %.

Wir vergleichen deshalb immer innerhalb einer Vergleichsgruppe mit ähnlichem Wachstumsprofil — nicht gegen den Sektordurchschnitt.

Rule of 40

Wachstum (%) + Marge (%) ≥ 40

Die Kennzahl bildet ab, dass Wachstum und Profitabilität austauschbar sind: 50 % Wachstum bei −10 % Marge ist so gesund wie 15 % Wachstum bei +25 % Marge.

Welche Marge dabei gemeint ist, steht in der Regel nicht dabei — und das ist kein Detail. Zugeschrieben wird die Regel meist Brad Feld. Genau genommen hat der Wagniskapitalgeber sie am 03.02.2015 lediglich bekannt gemacht: In seinem Beitrag beruft er sich ausdrücklich auf einen Investor aus der Spätphasenfinanzierung, den er nicht namentlich nennt. Und er schrieb dort „profit“ — Gewinn. Nicht Free-Cashflow-Marge. Die heute übliche Fassung mit dem Cashflow ist eine spätere Mutation der Praxis, nicht Bestandteil der ursprünglichen Formulierung. In Analystenberichten steht an derselben Stelle inzwischen ebenso EBITDA-Marge, bereinigte EBITDA-Marge oder operative Marge.

Zwischen diesen Größen liegen bei einem wachsenden Softwareunternehmen leicht zehn Punkte. Zwei Häuser können für dasselbe Unternehmen 33 und 45 ausweisen — und beide rechnen korrekt.

Wo sie täuscht:

Wir weisen deshalb aus, wie die 40 erreicht werden und womit gerechnet wurde, nicht nur ob. Ausführlich: Rule of 40.

Was wirklich Qualität anzeigt

Kennzahl Was sie sagt Orientierung
Netto-Umsatzbindung (NRR) Wachsen Bestandskunden von allein? Nur im Segmentvergleich lesbar → eigene Seite
Bruttomarge Ist es echte Software? In der Praxis gilt 70 % als Trennlinie
Burn Multiple Wie teuer ist ein Euro Neugeschäft? Faustregel: unter 1,5 gut, über 3 kritisch
Kundenkonzentration Klumpenrisiko Üblich: Top-Kunde unter 10 % des Umsatzes

Keiner dieser Schwellenwerte ist irgendwo vorgeschrieben. Es sind Konventionen der Marktpraxis, entstanden an großen amerikanischen Cloudanbietern — Marktgewohnheit, nicht Norm.

Die Netto-Umsatzbindung, und warum ein pauschaler Schwellenwert nichts taugt

Die Netto-Umsatzbindung ist die aussagekräftigste der vier. Sie misst, ob der Umsatz aus dem Bestandskundenstamm auch ohne Neukunden wächst. Liegt sie über 100 %, wächst das Unternehmen selbst dann, wenn es keinen einzigen Neukunden gewinnt.

Die Schwellenwerte, die dazu im Umlauf sind, stammen allerdings überwiegend von börsennotierten Cloudanbietern mit Großkundengeschäft. Auf einen kleinen Softwareanbieter angewandt, messen sie das falsche Unternehmen. Die belastbaren Vergleichswerte stammen aus den jährlichen Erhebungen bei privaten SaaS-Anbietern; SaaS Capital, KeyBanc/Sapphire und Benchmarkit kommen dabei unabhängig voneinander auf dieselbe Größenordnung.

Verteilung im privaten SaaS NRR
Oberes Quartil 111 %
Median 101–102 %
Unteres Quartil 97 %

Der Median liegt also knapp über 100 %, nicht bei 115 %. Und er zerfällt weiter, sobald man nach der Kundengröße trennt:

Kundensegment Typische NRR
Enterprise rund 118 %
Mid-Market rund 108 %
SMB rund 97 %

Daraus folgt die Regel, nach der wir die Zahl lesen: Ein Schwellenwert bedeutet nur innerhalb seines Segments etwas. Ein Anbieter mit kleinen Kunden und 97 % liegt genau auf seinem eigenen Vergleichswert. Ein Großkundenanbieter mit 97 % hat ein Problem. Dieselbe Zahl, zwei gegensätzliche Befunde.

Daneben existiert der Rahmen von Bessemer Venture Partners — 100 % gut, 110 % besser, 120 % und mehr am besten. Er ist zitierfähig und weit verbreitet, aber eben ein Zielbild aus der Wagniskapitalpraxis, kein Marktdurchschnitt. Als Latte taugt er, als Benchmark nicht.

Dazu kommt ein Punkt, der oft untergeht: Die NRR ist in keinem Rechnungslegungsstandard definiert — weder in den IFRS noch in US-GAAP. Sie ist nicht einmal eine „non-GAAP financial measure“ im Sinne der SEC-Regeln, für die eine Überleitung auf eine Bilanzgröße vorgeschrieben wäre. Jeder Emittent definiert sie selbst, jeder darf die Definition ändern, geprüft wird nichts. Viele Unternehmen führen genau das im Risikoteil ihres Geschäftsberichts auf. Wir übernehmen deshalb keine NRR ohne die zugehörige Definitionsfußnote.

Die Bruttomarge ist eine Weiche: Unter 70 % handelt es sich meist um ein Dienstleistungsgeschäft mit Softwareanstrich — und das gehört mit Dienstleistungsmultiplikatoren bewertet, nicht mit Softwaremultiplikatoren. Der Unterschied ist ein Faktor von drei oder mehr.

Der Sonderfall Small Cap

Der Rahmen oben stammt aus der SaaS-Welt. Ein großer Teil der Technologie-Small-Caps ist aber etwas anderes:

In allen drei Fällen entfällt die Rule of 40 ersatzlos. Wer sie trotzdem ausrechnet, bekommt eine Zahl ohne Bedeutung.

Was diese Methode nicht kann

Was wir nicht tun

Wir vergleichen keine Umsatzmultiplikatoren zwischen Firmen mit unterschiedlichem Wachstum. Wir rechnen aktienbasierte Vergütung nicht heraus. Wir nennen keinen NRR-Schwellenwert ohne das Kundensegment, für das er gilt. Und wir bewerten kein Dienstleistungsgeschäft mit Softwaremultiplikatoren, nur weil das Unternehmen sich als Plattform bezeichnet.

Quellen

Was sich in Version 2 geändert hat

11.08.2026. Wir haben die Zahlen dieser Seite gegen die Primärquellen gehalten. Zwei davon waren falsch.

Auf keine veröffentlichte Bewertung wirkt sich das aus. aktienanalyse.online arbeitet im Modus „Start ohne Analyst“: Wir veröffentlichen weder einen fairen Wert noch Kursziele. Unter Version 1 dieser Seite ist keine einzige Bewertung ergangen, die auf den alten Zahlen beruht hätte.


Stand: 11.08.2026 · Version 2