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Fundamentalanalyse · Small Caps

rNPV

Risk-adjusted Net Present Value. Der Barwert der erwarteten Cashflows eines Medikamentenprogramms, multipliziert mit der Wahrscheinlichkeit, dass das Programm die Zulassung überhaupt erreicht.

Warum es nichts Einfacheres gibt

Ein Biotechunternehmen in der klinischen Entwicklung hat keinen Umsatz, keinen Gewinn und häufig nur ein einziges relevantes Programm. Sein Wert hängt an einem Ereignis, das eintritt oder nicht: Eine Studie erreicht ihren primären Endpunkt – oder sie verfehlt ihn.

Multiplikatoren bilden so etwas nicht ab. Ein Erwartungswert schon.

Die Rechnung

rNPV = Σ (erwartete Cashflows je Programm × kumulierte Erfolgswahrscheinlichkeit)
       abgezinst auf heute
     − laufende Kosten des Unternehmens
     + Nettoliquidität

Drei Größen bestimmen praktisch das gesamte Ergebnis: die Erfolgswahrscheinlichkeit, der Spitzenumsatz und der Diskontsatz. Alles andere ist Feinarbeit.

Die Wahrscheinlichkeiten

Die Branchendurchschnitte stammen aus der gemeinsamen Auswertung von BIO, Informa Pharma Intelligence und QLS Advisors, Clinical Development Success Rates and Contributing Factors 2011–2020. Ausgewertet wurden 12.728 Phasenübergänge aus 9.704 Entwicklungsprogrammen von 1.779 Unternehmen. Der Erhebungszeitraum ist dabei nicht die volle Dekade: Er reicht vom 01.01.2011 bis zum 30.11.2020.

Übergang Erfolgsrate
Phase I → Phase II 52,0 %
Phase II → Phase III 28,9 %
Phase III → Zulassungsantrag 57,8 %
Zulassungsantrag → Zulassung 90,6 %
Ab Phase I bis zur Zulassung 7,9 %

Zwei Dinge fallen auf. Die härteste Hürde ist Phase II, nicht Phase III – wer ein Phase-II-Unternehmen bewertet, bewertet zu mehr als 70 % ein Szenario, das nicht eintritt. Und von hundert Wirkstoffen in Phase I erreichen acht die Zulassung.

Der Durchschnitt taugt kaum als Annahme

Nach Indikationsgebiet, gleiche Quelle, Abbildung 5b – kumulierte Zulassungswahrscheinlichkeit ab Phase I:

Indikationsgebiet Zulassungswahrscheinlichkeit ab Phase I
Hämatologie 23,9 %
Stoffwechsel 15,5 %
Alle Indikationen 7,9 %
Onkologie 5,3 %
Urologie 3,6 %

Wer ein Onkologieprogramm mit dem Gesamtdurchschnitt rechnet, überschätzt es um rund die Hälfte. Deshalb ist die Angabe der verwendeten Wahrscheinlichkeit mit Quelle und Begründung kein Formalismus: Ohne sie ist das Ergebnis nicht nachvollziehbar.

Die Verwechslung, die im selben Dokument lauert. Abbildung 5b zeigt die kumulierte Wahrscheinlichkeit über alle vier Übergänge hinweg. Abbildung 2 zeigt die Erfolgsquote je einzelner Phase. Beide Tabellen sind nach denselben Indikationsgebieten sortiert und sehen einander zum Verwechseln ähnlich. Stoffwechselprogramme etwa kommen in Phase I auf 61,8 % – das ist der Sprung nach Phase II, nicht der Weg bis zur Zulassung, der bei 15,5 % liegt. Wer die eine Zahl für die andere hält, liegt um den Faktor vier daneben.

Die eine gut dokumentierte Ausnahme: Biomarker

Der Bericht nennt einen Faktor, der die Durchschnitte spürbar verschiebt. Programme, deren Studien die Patienten über einen Biomarker vorauswählen, erreichen ab Phase I eine kumulierte Zulassungswahrscheinlichkeit von 15,9 % – gegenüber 7,6 % ohne diese Vorauswahl. Im Wortlaut: „Drug development programs with trials employing patient preselection biomarkers have a two-fold higher LOA (15.9%) than those that do not (7.6%).“

Der Effekt ist real, allerdings schmal belegt – und der Bericht sagt das selbst. Er entsteht fast vollständig im Übergang von Phase II nach Phase III – 46,3 % gegenüber 28,3 % – und beruht dort auf 149 biomarkergestützten Übergängen innerhalb von 767 ausgewerteten. Das sind rund 6 % der gesamten Datenbasis. Die Autoren schränken ausdrücklich ein: „this analysis only represents a small subset of the overall data.“

Wir behandeln die Zahl deshalb als das, was sie ist: die am besten dokumentierte Abweichung vom Durchschnitt. Kein neuer Durchschnitt.

Der Diskontsatz: 10 bis 13 %, nicht mehr

Das klingt niedrig für ein derart riskantes Geschäft. Der Grund liegt in der Konstruktion des Modells: Das klinische Risiko steckt ja bereits in der Erfolgswahrscheinlichkeit. Wer es zusätzlich über einen sehr hohen Diskontsatz abbildet, zählt dasselbe Risiko zweimal und rechnet jedes Programm auf null.

Die Spanne von 10 bis 13 % ist eine Konvention der Bewertungspraxis, keine Norm – kein Rechnungslegungsstandard und keine Aufsicht schreibt sie vor. Die auf Lebenswissenschaften spezialisierte Beratung Alacrita nennt sie als üblichen Korridor; eine Umfrage unter großen Biotechunternehmen ergab einen Median von 10 %. Es ist eine Marktgewohnheit. Wer davon abweicht, muss die Abweichung begründen können.

Die Zahlen der Vorgängerausgabe kursieren weiter

Die vorherige Ausgabe derselben Reihe – BIO gemeinsam mit Biomedtracker und Amplion, Zeitraum 2006–2015 – wies 63,2 %, 30,7 %, 58,1 % und 85,3 % je Übergang aus und kam kumuliert auf 9,6 %. Diese Werte stehen bis heute in Präsentationen, Blogbeiträgen und Unternehmensunterlagen.

Wer heute 9,6 % liest, liest die alte Ausgabe. Aktuell sind 7,9 %.

Wo die Kennzahl in die Irre führt

Sie ist extrem empfindlich. Eine Änderung der Erfolgswahrscheinlichkeit von 30 auf 40 % bewegt den Wert um ein Drittel. Ein einzelner Punktwert wäre Scheingenauigkeit – deshalb gehören drei Szenarien und eine Sensitivitätstabelle dazu.

Der Spitzenumsatz ist die zweite Wette. Zielpopulation × Diagnoserate × Behandlungsrate × Marktanteil × Preis. Der häufigste Fehler steckt im Marktanteil: 30 % in einem Feld mit vier zugelassenen Wettbewerbern sind keine Annahme, sondern ein Wunsch.

Partnerschaften bildet sie nicht ab. Eine Lizenzvereinbarung mit Vorabzahlung und Meilensteinen verändert das Profil eines Programms grundlegend und lässt sich vorher nicht sinnvoll modellieren.

Zulassung ist nicht Erstattung. In Deutschland folgen auf die Zulassung die Nutzenbewertung und die Preisverhandlung. Ohne anerkannten Zusatznutzen erreicht ein Medikament den unterstellten Spitzenumsatz nicht.

Wie wir die Zahl verwenden

Wir rechnen je Programm, nicht je Unternehmen, und weisen zu jedem Programm die angesetzte Erfolgswahrscheinlichkeit mit Quelle und Begründung aus. Statt eines Punktwerts steht ein Szenariofächer. Den Diskontsatz nennen wir und kennzeichnen ihn als Konvention, nicht als Norm. Weicht unsere Annahme vom Branchenschnitt ab, sagen wir warum – und mit welcher Datenbasis.

Der vollständige Rahmen: Wie wir Biotechunternehmen bewerten · verwandt: Erfolgswahrscheinlichkeiten der klinischen Phasen · Cash-Reichweite

Quellen


Stand: 11.08.2026 · Version 2